Aus diesen Gründen zählt „Alice im Wunderland“ zur Weltliteratur

Wer kennt sie nicht, die Geschichte über das neugierige Mädchen im blauen Kleid, das dem sprechenden weißen Kaninchen folgt und so in eine verzauberte Welt gelangt? Gemeint ist das Kinderbuch „Alice im Wunderland“ aus dem Jahr 1865. Zusammen mit der Fortsetzung „Alice hinter den Spiegeln“, die sechs Jahre später erschien, zählt das Buch zu den Klassikern der Weltliteratur.

Der Autor, Charles Lutwidge Dodgson, war eigentlich Mathematiker und Fotograf – allerdings auch ein Liebhaber von Wortspielen und Reimen, weshalb er unter dem Pseudonym Lewis Carroll zahlreiche Werke veröffentlichte. Das berühmteste ist jedoch nach wie vor „Alice im Wunderland“: Schon kurz nach seinem Erscheinen begeisterte es zahlreiche Menschen, darunter Oscar Wilde und Königin Victoria. In vielen nachfolgenden Büchern, darunter einem Roman von Stephen King, tauchen Anspielungen auf Dodgsons Geschichte auf.

In der Musik waren es die Beatles, die in „Lucy in the sky with diamonds“ Alices verrückte Welt nachempfanden. Ganz zu schweigen von den zahlreichen Theaterstücken, Hörspielen und Verfilmungen des Buchs. Selbst in der Medizin hat es seine Spuren hinterlassen: So nehmen Menschen mit dem – entweder krankheitsbedingten oder durch Drogenkonsum herbeigeführten – „Alice-im-Wunderland-Syndrom“ ihre Umwelt größer oder kleiner wahr, bemerken Veränderungen in Akustik, Zeitempfinden oder beim Tastsinn.

Sorgsam konstruierte Nonsensliteratur

Doch warum ist die Geschichte so beliebt? Genau lässt sich das natürlich nicht sagen – aber es gibt viele mögliche Gründe. Einer davon ist, dass das Buch nicht nur ein Kinderbuch ist. Stattdessen finden Erwachsene darin versteckte Andeutungen und Wortspiele.

Da wäre zum Beispiel das „weitschweifige“ Gedicht der Maus, dessen Wörter sich tatsächlich in Schwanzform über die Buchseite ziehen. Oder Alice, die die Grinsekatze zum ersten Mal sieht und fragt: „Was it a cat I saw?“ – der Satz ist ein Palindrom, also eine Buchstabenfolge, die sich von hinten genauso wie von vorne liest.

Auch die versteckte Kritik an der Gesellschaft des viktorianischen Zeitalters macht das Buch so lesenswert: So lassen die äußerst prinzipientreuen Figuren des Wunderlands an stoische Erwachsene denken, die Sinn oder Unsinn ihres Handelns nicht mehr mit gesundem Menschenverstand hinterfragen – Alice jedoch entlarvt all das mit kindlicher Unschuld.

Und nicht zuletzt ist es das Genre des Buchs, das es so lesenswert macht: Denn „Alice im Wunderland“ ist der Nonsensliteratur zugeordnet, also Literatur, die sich nicht um Logik kümmert, sondern die „Sinnlosigkeit“ mithilfe von paradoxen Aussagen, seltsamen Vergleichen, selbst erfundenen Begriffen und Metaphern extra herstellt. Wobei sich so manche Aussage als Paradoxon herausstellt, also eine Aussage, die an sich unlogisch klingt, aber einen tieferen Sinn beinhaltet. Ein Beispiel dafür ist der Satz der Roten Königin, die Alice in „Alice hinter den Spiegeln“ erklärt: „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.“ Die Aussage lässt sich als Anspielung auf die Evolution verstehen, in der sich alle Organismen stetig weiterentwickeln müssen, um nicht unterzugehen. Diese wissenschaftliche These ist dahermittlerweile auch als Red-Queen-Hypothese bekannt.

Auf diese Weise entsteht eine in sich stimmige Welt mit eigenen Gesetzen und Logiken – und die ist auch noch heute, rund 150 Jahre nach der Erstveröffentlichung des Buchs, unterhaltsam und aktuell.

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