Eine kurze Geschichte der Typografie oder: Was sind eigentlich variable Schriften?

Es gibt Dinge, mit denen wir jeden Tag zu tun haben, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Eines dieser Dinge ist die Schrift: Wir sehen sie in Büchern, Dokumenten, auf Verkehrsschildern, im Supermarkt und in den sozialen Medien. Nur sehr selten ist die Schrift selbst das Thema einer Nachricht – entsprechend war unsere Neugier groß, als wir zufällig von variablen Schriften gelesen haben. Wir haben mal genauer hingeschaut, was sie ausmacht, warum es sie braucht und wo sie überhaupt herkommen. Dabei hilft es, sich ein bisschen mit der Geschichte der Typografie auseinandersetzen.

Hand- und druckschriftliche Ursprünge
Schriften gibt es, seit Menschen schreiben. Entsprechend gab es schon im Altertum, also etwa ab 4500 vor Christus, Vorformen. Nach und nach entwickelte man das Alphabet und die Buchstabenformen. Etrusker, Griechen, Römer und Karolinger entwickelten sie weiter. Das nächste große Kapitel begann um 1450 mit Johannes Gutenberg und seinen beweglichen Lettern. Aus Handschriften wurden Druckschriften, die noch als Grundlage für heutige Schriften gelten. Besonders Italien entwickelte sich während der Frührenaissance als Zentrum der Schriftentwicklung. Hierbei entstand zum Beispiel die erste Antiqua-Schrift, die sich durch ihre runden Formen von ihren Vorgängern unterscheidet. Um 1500 nutzte man in Deutschland für verschiedene Textarten eine andere Schriftgattung, etwa für lateinische, deutsche oder humanistische Texte oder für Martin Luthers Reformationsschriften. In den darauffolgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten wurde Schrift vom reinen Zweck- zusätzlich zum Kunst-Objekt. So brachten Barock, Klassizismus, Jugendstil, Impressionismus und Art Déco jeweils eigene Schriften hervor, die dem Geist der jeweiligen Epoche oder der jeweiligen stilistischen Strömung entsprachen.

Erste Computerschriften
Die Erfindung des Computers läutete schließlich das Zeitalter der Webfonts ein. Als erstes waren das entweder Bitmapschriften oder Vektorschriften. „Bitmap“ heißt auf Deutsch „Rastergrafik“ und verrät schon eins der Probleme der Bitmapschriften: Bei größerer Auflösung kamen die Schriften schlecht mit und wurden pixelig – nicht gerade eine Freude für den Betrachter oder die Betrachterin. Für Vektorbildschirme entwickelte man Vektorschriften, die sich ohne Qualitätsverluste skalieren lassen und entsprechend in jeder Größe scharf dargestellt werden können.

Schriften und ihre Familien
Heutzutage basieren alle Computerschriften auf Vektoren. Mit der Zeit entwickelten sich mehr und mehr digitale Schriften und mit ihnen ganze Schriftfamilien: Diese Familien beinhalten mehrere Schriftschnitte, also ein und dieselbe Schrift in unterschiedlichen Breiten, Strichstärken und Schriftlagen. Schriftlage meint die Ausrichtung am vertikalen Grundstrich der Buchstaben: Eine Schrift kann dann eine gerade oder schräge, nach rechts geneigte Lage haben – einfacher gesagt, ist sie normal oder kursiv. Wer etwa ein Design oder ein spezielles Dokument anlegen und dabei alle Varianten einer Schrift verwenden will, muss also gleich die ganze Schriftfamilie auf seinen Computer laden, die im Normalfall aus mehreren Dateien besteht (für jeden Schriftschnitt eine Datei). Sieht man die Geschichte dahinter, ist das verständlich: In Zeiten, in denen man die Buchstaben zum Drucken noch einzeln setzen musste, brauchte man eben auch für jeden Buchstaben und jeden Schriftschnitt separate Lettern. Im digitalen Zeitalter sind solche Lettern natürlich nicht mehr nötig.

Variable Schriften: einfach zu handhaben und flexibel
Auch einzelne Schriftschnitte könnten bald der Vergangenheit angehören: Um die Schriftfamilie einer variablen Schrift abzubilden, braucht es nur noch eine Datei. Anhand von verschiedenen Achsen lassen sich die Buchstaben verschmälern oder verbreitern, schräg ausrichten, näher zusammenrücken und vieles mehr, und das komplett flexibel und ohne Zwischenschritte. In Zukunft sind sogar noch zahlreiche andere Funktionen denkbar: etwa animierte Schriften oder solche, die bei einer Film-Untertitelung automatisch auf den Hintergrund reagieren und mit Farbe oder Strichstärke eine beständige Lesbarkeit garantieren.

Neugierig geworden?
Wer sich selbst ein bisschen durch die verschiedenen Möglichkeiten testen will, kann das beispielsweise bei Variable fonts oder V-Fonts tun. Kleiner Fun-Fact: Es gibt sogar eine variable Corona-Zeichnung, bei der sich die Zeichnung eines Gesichts anhand der Parameter „Tragezeit der Maske“, „geschlossener Friseur“ und „Home Schooling“ per Schieberegler modifizieren lässt. Spätestens damit ist klar: Variable Schriften sind so aktuell wie nie.

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